Uns reicht’s – weil es nicht reicht
Knapp 200 Literaturübersetzerinnen und -übersetzer beteiligen sich an der Protestbewegung Uns reicht’s – weil es nicht reicht, zu der Lisa Kögeböhn und Barbara König aufgerufen haben. Unter welchen prekären Bedingungen Übersetzerinnen und Übersetzer arbeiten und was die Kampagne bewegen soll, erklärt Lisa Kögeböhn im Interview.
Interview: Lisa Mensing, TraLaLit
Heute startet eine groß angelegte Kampagne namens Uns reicht’s – weil es nicht reicht, die du zusammen mit deiner Kollegin Barbara König ins Leben gerufen und umgesetzt hast. Was hat den Ausschlag dazu gegeben?
Nachdem ich im Juni auf Instagram einen Beitrag über die ernüchternden Seiten des Literaturübersetzens gepostet habe, kamen in den Kommentaren so viele ehrlich verzweifelte Berichte der Kolleginnen und Kollegen zusammen, dass ich vorhatte, diese in einem eigenen Posting zu sammeln. Als mich dann aber Barbara König, ebenfalls Literaturübersetzerin, mit dem Wunsch anschrieb, etwas gegen unsere katastrophalen Arbeitsbedingungen zu unternehmen, wurde schnell eine größere Idee daraus - warum nicht gleich eine ganze Kampagne aufziehen, um die Buchbubble auf Instagram wirkungsvoller aufzurütteln und öffentlich auf unsere prekäre Lage aufmerksam zu machen. Den Verlagen treten wir immer als Einzelkämpfer*innen gegenüber, denkbar ungünstig für Verhandlungen. Jetzt hoffen wir, gemeinsam eine Verbesserung erreichen zu können.
Der 30. September ist ein besonderer Tag für alle Übersetzenden, an dem normalerweise die Kunst des Übersetzens gefeiert wird. Ihr habt euch dazu entschieden, ihn zu nutzen, um auf Missstände hinzuweisen. Wieso genau an diesem Tag?
Der Hieronymustag, der internationale Tag des Übersetzens, ist ein Tag, an dem gern auf unseren naturgemäß unsichtbaren Beruf aufmerksam gemacht wird, von uns selbst, aber auch von Verlagen auf Social Media, die sich an diesem Tag für unser Tun bedanken. Wir freuen uns über diese Wertschätzung, wollen aber gleichzeitig darauf hinweisen, dass diese Form der Anerkennung nicht reicht. Wir brauchen eine finanzielle Wertschätzung, eine Bezahlung, von der wir tatsächlich leben können. Damit wir alle die Kunst des Übersetzens noch viele weitere Jahre am 30. September feiern können.
In der Social-Media-Kampagne heißt es, dass Übersetzerinnen und Übersetzer weniger als ein Drittel des deutschen Durchschnittseinkommens verdienen. Was heißt das in konkreten Zahlen, und welche Auswirkungen hat das auf den Arbeitsalltag?
Unser durchschnittliches Jahresbrutto lag 2024 laut dem Einkommensdossier unseres Verbandes (VdÜ) bei 20.363 €. Das ist weniger als ein Drittel des deutschen Durchschnittseinkommens. Während Mieten und Lebenshaltungskosten überall steigen, stagnieren unsere Honorare nicht nur, sondern sinken sogar. In Anbetracht der Inflation und Teuerungsrate, vor allem in den letzten Jahren, verdienen durchschnittliche Literaturübersetzende heute inflationsbereinigt fast 25 % weniger. Dieser schlechte Verdienst hat natürlich direkten Einfluss auf unseren Arbeitsalltag. Übersetzerinnen und Übersetzer arbeiten zusätzlich zu dem durch enge Fristen ohnehin schon bestehenden Zeitdruck unter dem Zwang, einen möglichst hohen Output zu schaffen, um die niedrigen Honorare auszugleichen. Dass unter diesem ständigen Druck die Kreativität und letztendlich auch die Textqualität leidet, ist leider vorprogrammiert. Fehlende Erholungszeiten durch Nacht- und Wochenendschichten führen dann langfristig nicht selten zu Erschöpfungszuständen und Burnout.
Außerdem ist von einem Durchschnittshonorar von 19,27 Euro pro Normseite die Rede. Wie funktioniert dieses Honorarsystem und welche Arbeitsschritte werden mit diesen knapp zwanzig Euro gedeckt?
Literaturübersetzerinnen und -übersetzer werden nicht pro Stunde, sondern pro Seite bezahlt. Da natürlich jede Buchseite anders ist, wird mit der Normseite eine immer gleiche und vergleichbare Berechnungsgrundlage herangezogen. Abgegolten sind mit diesem Seitenhonorar nicht nur der erste grobe Übersetzungsdurchgang sowie der Feinschliff und ggf. weitere Korrekturdurchgänge, sondern auch das vorherige Prüfen des Manuskripts und die anschließende Durchsicht des Lektorats sowie die Druckfahnenkorrektur. Oft auch die Recherche, manchmal gibt es dafür aber auch eine kleine zusätzliche Pauschale. Umgerechnet auf Stunden kommt dabei weniger als der Mindestlohn heraus.
Was außerdem immer noch fehlt, ist alles, was die Selbstständigkeit mit sich bringt: unbezahlte Arbeiten wie Akquise und Papierkram, Stipendienbewerbungen, Buchmessenbesuche und natürlich Rücklagen für Urlaub, Krankheit, Fortbildung und Alter.
Es wird auch darauf hingewiesen, dass viele Übersetzende mit einem deutlich niedrigeren Seitenhonorar auskommen müssen. Wie kommt es zu diesem extremen Gefälle?
Ja, leider gibt es bei der grundsätzlich schlechten Bezahlung auch noch Abstufungen – sogenannte „Genreliteratur“ wie Romance oder Fantasy wird meist wesentlich schlechter bezahlt – pikanterweise erscheinen diese Genres vor allem bei Imprints, die den Konzernverlagen zur Zeit die größten Gewinne einspielen. Und auch im Kinder- und Jugendbuch wird schlechter bezahlt als in anderen Bereichen. Grund dafür ist zum einen, dass die Übersetzung vermeintlich einfacher ist – eine Fehlannahme, da gerade in diesen Bereichen viel Kreativität für Wortspiele, sprechende Namen, Reime etc. vonnöten ist – und zum anderen, dass der Verkaufspreis bei Kinderbüchern niedriger ist und daher bei den Honoraren knapper kalkuliert wird.
In der Kampagne werden 30 Euro pro Normseite und eine Verkaufsbeteiligung ab dem 1. Exemplar gefordert. Es wird ständig darüber berichtet, dass es der Buchbranche schlecht geht. Was veranlasst euch zu der Annahme, dass die Verlage die finanziellen Mittel haben, den Forderungen nachkommen zu können?
Die Verlage lehnen unsere Forderungen nach einer angemessenen Vergütung schon seit Jahren ab, gern mit der Begründung, sie könnten nicht mehr bezahlen. Dass es der Buchbranche schlecht geht, ist zumindest aus unserer Perspektive zutreffend, denn wir Freien sind Teil dieser Branche.
Von den prekären Bedingungen sind nicht nur wir Übersetzerinnen betroffen, sondern auch die freien Lektoren, Illustratorinnen, Grafiker. Und auch die kleinen, unabhängigen Verlage haben zu kämpfen. Allerdings machen wir immer wieder die interessante, bezeichnende Beobachtung, dass es meist gerade die Indies sind, die uns die fairsten Honorare und Vertragsbedingungen anbieten. Andersherum: Je größer das Unternehmen, desto weiter weg von Vergütungsregeln und Normvertrag bewegen sich die Hausverträge, desto deutlicher werden Beteiligungssätze gedrückt, desto stärker wird das asymmetrische Machtverhältnis ausgenutzt.
In der Vergangenheit hat sich leider gezeigt, dass nicht einmal Reformen des Urhebervertragsrechts oder höchstrichterliche Urteile zu einer nachhaltigen Verbesserung unserer Arbeitsbedingungen geführt haben. Wenn auch in Zukunft weiter Literatur aus anderen Sprachen übersetzt werden soll, muss sich endlich grundlegend etwas ändern.

Knapp 200 Übersetzerinnen und Übersetzer beteiligen sich an dieser Kampagne, unter denen sich etliche bekannte Namen wie Ulrich Blumenbach, Miriam Mandelkow, Gabriele Haefs oder Stefanie Jacobs befinden – das sind beispielsweise die Übersetzerinnen und Übersetzer von David Foster Wallace, James Baldwin, Jostein Garder und Lauren Groff. Hattest du mit einer derartigen Resonanz gerechnet?
Barbara und ich waren ehrlich gesagt ziemlich überwältigt von der schieren Menge der Zuschriften. Wir haben bei den Kolleginnen und Kollegen ganz offensichtlich einen Nerv getroffen. Und es zeigt sich auch dadurch wieder überdeutlich, dass unsere prekäre Situation nicht am schlechten Verhandeln der Einzelnen liegt, sondern ein strukturelles Problem ist. Die Lage hat sich inzwischen so zugespitzt, dass immer mehr von uns über einen Berufswechsel nachdenken. Von vielen Seiten kam, eine solche Aktion sei längst überfällig, es hätten bisher nur Mut und Zeit gefehlt. Und der Zeitaufwand ist tatsächlich enorm, den September über habe ich nichts anderes gemacht – möglich war das übrigens nur, weil ich dieses Jahr durch zwei Bestseller Tantiemen bekommen habe. Ein absoluter Ausnahmefall, weshalb wir auch eine Verkaufsbeteiligung ab dem 1. Exemplar fordern, damit Tantiemen endlich zu einer verlässlichen Säule unseres Einkommens werden.
Ihr habt die Kampagne als Social-Media-Aktion geplant. Du selbst bist eine der sichtbarsten und aktivsten Übersetzerinnen auf Instagram. Wie wichtig ist Social Media für deine Arbeit?
Social Media eignet sich sehr gut, um Aufmerksamkeit zu erregen, außerdem erreicht man dort auf ganz unmittelbarem Weg die Leserschaft unserer Übersetzungen. Für mich persönlich hat sich der Aufwand, den ich in meinen Social-Media-Auftritt investiere, insofern gelohnt, als dass ich inzwischen aufgrund meiner Sichtbarkeit und der zusätzlichen Werbewirksamkeit durch meine über 8000 Follower*innen bessere Honorare verhandeln kann. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass sich diese Sichtbarkeit leicht potenziert und zum Beispiel auch auf die Presse überschwappt. Diesen Effekt erhoffen wir uns jetzt natürlich für unsere Aktion. Trotzdem wollen wir es nicht dabei belassen, sondern planen, die Kampagne als nächsten Schritt aus dem virtuellen Raum hinaus auf die Frankfurter Buchmesse zu tragen, anschließend die Buchhandlungen mit einzubeziehen und uns letzten Endes, wenn es sein muss, auch an die Politik zu wenden. Wir hoffen, dass Social Media nur der Ausgangspunkt ist, von dem aus die Aktion weitere Kreise ziehen kann.
In den letzten Jahren ist für Übersetzerinnen und Übersetzer eine weitere Bedrohung hinzugekommen, die Künstliche Intelligenz. Man könnte meinen, dass Übersetzende sich gerade in einer eher schwachen Position befinden. Wieso sollten Verlage ihnen mehr bezahlen, wenn sie möglicherweise umsonst auf Übersetzungen zurückgreifen könnten?
Momentan scheitert die KI noch an allem, was Literatur im Innersten ausmacht. Ob sie früher oder später zu einer echten Bedrohung für unsere Zunft werden könnte, ist unberechenbar. Sehr berechenbar hingegen ist, wie lange wir unter den jetzt real herrschenden Bedingungen noch weitermachen können - nicht mehr lange. Unser dringlichstes Problem ist momentan also nicht die KI, sondern die schlechte Bezahlung, die ganz konkret die Zukunft dieses Berufsstands bedroht.
Was wünschst du dir für den Berufsstand der Literaturübersetzerinnen und -übersetzer?
Dass dieser wunderbare Beruf nicht aufgrund der prekären Bedingungen ausstirbt.

Weitere Infos zur Kampagne finden Sie auf dem Instagram-Kanal.
Dieses Interview erscheint in Kooperation mit TraLaLit.