28 April 2021 – Guest contribution

In der Fremdsprache lesen, in der eigenen Sprache schreiben

«Die Schülerworkshops sind eine Gelegenheit, sich ohne den Zwang der Schulglocke kreativ mit der eigenen Sprache zu beschäftigen», so die Leiterin Susanne Hornfeck.
«Die Schülerworkshops sind eine Gelegenheit, sich ohne den Zwang der Schulglocke kreativ mit der eigenen Sprache zu beschäftigen», so die Leiterin Susanne Hornfeck.

Die Literaturübersetzerin und Jugendbuchautorin Susanne Hornfeck leitet seit zehn Jahren Schülerworkshops im Übersetzerhaus Looren. In unserem Gastbeitrag erzählt sie von ihren Erfahrungen mit den Jugendlichen und der neuen Plattform www.echtabsolut.de, die Unterrichtsmaterialien für Übersetzerworkshops mit Schülern bereitstellt.

Von Susanne Hornfeck

Sie sind 15 bis 16 Jahre alt, haben mindestens fünf Jahre Englisch gelernt und können sich im Rahmen einer Projektwoche für die Übersetzerwerkstatt entscheiden: die Schülerinnen und Schüler der Sekundarschule Breite Hinwil im Zürcher Oberland. Bislang haben sich jedes Jahr zwischen fünf und zwölf Interessierte gefunden, die für vier Tage ins Übersetzerhaus Looren kamen. Oft sind darunter Kinder aus mehr- oder fremdsprachigen Familien, die ihre Erfahrungen mit dem Übersetzen und Dolmetschen hier als grossen Gewinn erfahren.

Früh hat das Team des Übersetzerhauses Looren erkannt, wie nützlich und horizonterweiternd es für Jugendliche sein kann, das literarische Übersetzen kennenzulernen und selbst zu erproben, und hat zu diesem Zweck 2011 eine Kooperation mit der Sekundarschule Breite in Hinwil initiiert. Damit hat es sich auch als Institution seiner Umgebung geöffnet, denn die ortsansässigen Jugendlichen erfahren bei dieser Gelegenheit meist zum ersten Mal, was es mit dem schön gelegenen Haus auf sich hat, in das sie immer wieder Personen aus aller Welt ihre Rollkoffer ziehen sehen. 

Zwischen Texttreue und kreativer Freiheit

Gemeinsam und in Kleingruppen übersetzen wir die ersten Abschnitte eines noch nicht auf Deutsch erschienenen Jugendromans – zuletzt war es What I Leave Behind von Alison McGhee. Dabei erkennen die Schülerinnen und Schüler, dass es beim Übersetzen viele richtige Lösungen gibt, dass manche aber klangvoller und aussagekräftiger sind als andere. Ausserdem müssen sie ihre Formulierungen im Spannungsfeld zwischen Texttreue und kreativer Freiheit bewerten, sodass am Ende ein Text entsteht, der dem Original gerecht wird und sich im Deutschen gut liest. Hier liegt der eigentliche pädagogische Zweck der Übung: die Ausdrucksfähigkeit in der Muttersprache zu fördern und durch das Abwägen verschiedener Varianten das Sprachgefühl zu sensibilisieren.

Meist muss ich sie dazu ermutigen, freier mit dem Text umzugehen und die sprachlichen Möglichkeiten des Deutschen voll auszuschöpfen, auch wenn es im Englischen «nicht so dasteht». Dazu stelle ich anhand von Arbeitsblättern einige Tricks vor, die Profiübersetzer bei der Überarbeitung ihrer Texte anwenden, zum Beispiel die «Sparmassnahmen» oder den «Platzwechsel». Dabei lernen die Teilnehmenden, dass man durch geeignete Formulierungen umständliche Nebensätze einsparen und die flexible Satzstellung des Deutschen dazu nutzen kann, die starre SPO-Folge (Subjekt-Prädikat-Objekt) des Englischen zu variieren.

Es ist eine Freude, den Grüppchen zuzuhören, wenn sie sich in verschiedene Ecken des wunderbaren Looren-Wohnzimmers zurückgezogen haben, um ihre Lösung auszuhandeln und später im Plenum zu verteidigen. Ausserdem zieht die fortschreitende Romanhandlung uns in den Text hinein; wir müssen uns gemeinsam überlegen, wie wir die richtige Tonlage für die einzelnen Figuren finden. Die Sache nimmt Fahrt auf. 

«‹Dunkel› ist halt einfach ohne Licht, aber ‹finster› ist so uhuhuh»

Aber natürlich kann man sich nicht endlos über Texte beugen. Zwischendurch lockern wir die verspannten Muskeln bei chinesischer Gymnastik, und zwei Nachmittage sind sogenannten «Übersetzerprofilen» gewidmet, in denen ich und ein Hausgast erzählen, wie der Arbeitsalltag und die Zusammenarbeit mit den Verlagen aussieht und was Übersetzer sonst noch so machen. Auch im Rahmen der Recherchen für ihre Abschlusspräsentation für die Folgejahrgänge in der Schule kommen die Teilnehmenden in Kontakt mit den Hausgästen, die sie in kurzen Interviews befragen. Trotz der zeitweiligen räumlichen Einschränkungen reagierten die im Haus arbeitenden Kollegen bisher durchweg erfreut und aufgeschlossen, wenn junge Stimmen durch den Gang hallten oder die Jugendlichen sich in der Pause auf der Wiese tummelten. Das ging auch schon so weit, dass eine schwedische Kollegin für alle Zimtschnecken buk und ein Junge aus der Gruppe sich anschliessend das Rezept besorgte. Wie sehr die anregende, internationale Atmosphäre des Hauses zur Werkstatt dazugehört, haben wir dieses Jahr erst so richtig gemerkt, als ich sie pandemiebedingt digital durchführen musste – für mich eine grosse technische Herausforderung, für die Lernenden leider inzwischen Schulalltag. 

Hier wird nicht unbedingt der Same für den künftigen Übersetzernachwuchs gesät; die meisten der Sekundarschüler haben zu diesem Zeitpunkt bereits einen Ausbildungsplatz. Umso schöner ist es, wenn die Schülerinnen und Schüler kurz vor dem Eintritt ins Berufsleben noch einmal ein für sie eher ungewöhnliches Berufsbild kennenlernen und Gelegenheit bekommen, sich ohne den Zwang der Schulglocke kreativ mit ihrer eigenen Sprache zu beschäftigen. Und das geht auch ohne metasprachliche Ausdrucksmittel. Nach dem Unterschied zwischen den Adjektiven ‹dunkel› und ‹finster› befragt, die gerade zur Auswahl standen, antwortete ein Teilnehmer nach kurzem Überlegen: «‹Dunkel› ist halt einfach ohne Licht, aber ‹finster› ist so uhuhuh» und schüttelte sich. Eine der Teilnehmerinnen des Digitalworkshops hat es in ihrem Feedbackbogen so formuliert: «Etwas, das man unbedingt machen soll, wenn man gerne mit Sprachen spielt.»

Neue Plattform «Echt absolut»

Vor drei Jahren hat der Übersetzerfonds in Zusammenarbeit mit dem Literarischen Colloquium Berlin (LCB), gefördert durch die Robert Bosch Stiftung und die Kulturstiftung des Bundes, das Projekt «Echt absolut» ins Leben gerufen, das nun unmittelbar vor seinem Abschluss steht und jetzt mit einer Plattform an die digitale Öffentlichkeit tritt. Zwölf Literaturübersetzerinnen und -übersetzer haben in Kooperation mit Partnerinstitutionen Workshop-Formate für das Übersetzen mit Jugendlichen entwickelt und erprobt. Auf der Plattform www.echtabsolut.de werden Methodenbeschreibungen und Arbeitsmaterialien zu unterschiedlichen Arbeitssprachen und Textsorten angeboten. «Mit der digitalen Plattform steht ein Werkzeugkoffer zur Verfügung, der eine Lücke in der kulturellen Bildung schliessen soll: Der Prozess des (gemeinsamen) Übersetzens schult Sprachkompetenz, Kreativität und interkulturelle Fähigkeiten und eignet sich dadurch hervorragend für Lehr- und Fortbildungszwecke», heisst es in der Ankündigung zum Launch der Plattform am 28. April. Es lohnt sich, in diesen Koffer mal hineinzuschauen.

Im Rahmen dieses Projekts konnte ich im Münchner Literaturhaus mit zwölf Jugendlichen aus verschiedenen Münchner Gymnasien einen Workshop durchführen, diesmal vier wöchentliche Nachmittagssitzungen. Wir haben heftig diskutiert und um eine gemeinsame Fassung gerungen. Da blieb natürlich keine Zeit für Gymnastik und Übersetzergäste, die Gruppendynamik war eine andere als bei der eher entspannten Projektwoche in Looren.

‹Dad› oder ‹Papa›?

Gelegenheit zur Begegnung mit den Profis bot sich bei der Abschlussveranstaltung. Vor grossem Publikum – Eltern, Lehrer, Freunde und vor allem Mitgliedern des Münchner Übersetzerforums – präsentierten die Teilnehmenden ihren Text und ausgewählte Übersetzungsprobleme anhand von Beispielsätzen (Lassen wir das ‹Dad› des Originals stehen oder entscheiden wir uns für ‹Vater› oder gar ‹Papa›? Wie gehen wir mit direkten Leseranreden um? Welche Fortbewegungsart entspricht dem englischen ‹to walk/walker›?). Darüber diskutierten Profis und Nachwuchs anschliessend auf Augenhöhe. Die professionellen Übersetzerkolleginnen und -kollegen zeigten sich begeistert von so viel jugendlichem Engagement, und die Teilnehmenden fühlten sich in ihrer Arbeit ernst genommen.

Bei den Fortbildungsveranstaltungen, die ich zu diesem Thema ebenfalls im Literaturhaus München angeboten habe, versicherten mir die Lehrerinnen und Lehrer immer wieder mit Bedauern, dass im schulischen Alltag kaum mehr längere Text aus der Fremdsprache übersetzt werden (allenfalls im Lateinunterricht) und dass sie eine solche Veranstaltung für ein hervorragendes Deutschtraining halten.

Ganz gleich, ob in einer Projektwoche oder als wöchentliche Veranstaltung, das Lesen (und Verstehen) in der Fremdsprache und das Schreiben in der eigenen Sprache – das tägliche Brot der Literaturübersetzer – ist für motivierte Jugendliche eine spannende und prägende Erfahrung. Sie werden in ihrer eigenen sprachlichen Kreativität angeregt und übersetzte Bücher künftig mit anderen Augen betrachten. 

Dr. phil. Susanne Hornfeck ist Literaturübersetzerin und Autorin von Jugendbüchern. Neben zahlreichen Autoren aus China und Taiwan (Ha Jin, Zhang Ailing, Yang Mu) übersetzt sie auch aus dem Englischen – vor allem Sachbücher, Kinder- und Jugendbücher. Ihre Arbeiten wurden unter anderem mit dem C.H. Beck Übersetzerpreis, der Blauen Brillenschlange (Stiftung Pro Helvetia) und dem Sonderpreis der Jury Junger Leser des Literaturhauses Wien ausgezeichnet. 2019 erhielt sie das Max-Geilinger-Übersetzerstipendium. Susanne Hornfeck lehrte fünf Jahre als Dozentin an der National Taiwan University, Taipeh, und lebt heute in Oberbayern.

Fotos: Übersetzerhaus Looren

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