Die Covernennung als Gütesiegel
Der Unionsverlag publiziert seit 50 Jahren Literatur aus der ganzen Welt auf Deutsch. Welche Beziehung pflegt der Unionsverlag mit seinen Übersetzerinnen und Übersetzern, wie positioniert er sich in Bezug auf maschinelle Übersetzung und weshalb kann die Namensnennung auf dem Cover als Gütesiegel wahrgenommen werden? Lea Artmeyer ist Programmverantwortliche beim Unionsverlag und erzählt über die Entscheidung des Verlages, seine Übersetzerinnen und Übersetzer ab Frühling 2026 auf dem Cover zu nennen.
Interview: Deborah Amolini
Lea Artmeyer, Sie sind Programmleiterin beim Unionsverlag. Wofür steht der Verlag und was publiziert er für Bücher?
Der Unionsverlag steht für beste internationale Literatur, für Stimmen aus unterschiedlichsten Kulturräumen. In den letzten zwei Programmen sind zum Beispiel Romane und Kriminalromane aus Syrien, Irland, den Philippinen, Südkorea, der Schweiz, Uruguay und Frankreich erschienen.
Im Editorial der Verlagsvorschau für den Frühling 2026 schreiben Sie, dass der Verlag ohne Übersetzerinnen und Übersetzer nicht denkbar sei. Inwieweit unterstützen diese Ihr Verlagsprogramm?
Übersetzerinnen und Übersetzer kennen sich in den Buchmärkten «ihrer» Sprachen meist sehr gut aus, hören das Gras wachsen oder finden vergessene Schätze. Programmvorschläge von ihnen sind häufig andere als die der Agenturen. Das gilt im besonderen Masse für «kleinere» Sprachen oder Sprachen, die wir selbst im Verlag nicht lesen können.
Können Sie uns von einem konkreten Beispiel erzählen?
Die Schweizer Übersetzerin Annette Hug kam mit einem Tagalog-Manuskript des philippinischen Autors Allan N. Derain zu uns. Wir fanden die Übersetzungsprobe über ein Mädchen, das sich in ein Krokodil verwandelt, genial verrückt. Annette hat uns mit ihrer Leidenschaft vom Buch überzeugt, und letztes Jahr ist es unter dem Titel Das Meer der Aswang in grünschuppiger Kroko-Optik bei uns erschienen.
Seit Frühjahr 2026 werden die Übersetzerinnen und Übersetzer auf dem Cover, der U1, Ihrer Bücher genannt. Welche Aspekte haben Sie vor dieser Entscheidung zunächst zögern lassen, und was hat Sie schliesslich überzeugt?
Zögern würde ich es nicht nennen, wir mussten uns nicht zu der Entscheidung durchringen. Zumal wir da auch eher Trittbrettfahrer sind als Vorreiter.
Inzwischen nennen etliche Verlage die Übersetzenden auf der U1, mehr, als man zunächst denkt. Der Mare Verlag macht das schon ewig und ganz unaufgeregt, auch auf den Covern vom Guggolz Verlag, Kjona, Residenz, Voland & Quist und ganz vielen anderen liest man die Namen der Übersetzenden. Wir haben um die 40 Verlage im deutschsprachigen Raum gezählt. Der Gedanke «Wir müssten die Übersetzerinnen und Übersetzer eigentlich auf der U1 nennen» schwirrt schon lange durch den Unionsverlag. Wie es in kleinen, und wahrscheinlich auch in grossen, Verlagsteams so ist, werden wichtige, aber nicht dringliche Fragen gerne unter dringlichen, aber nicht wichtigen Dingen begraben.
Da brauchte es bei uns dann einen externen Impuls. Für mich war das ein vom Übersetzerhaus Looren organisiertes Übersetzungstreffen, bei dem das Thema intensiv diskutiert wurde. Dazu kam die Lobbyarbeit von vielen individuellen Akteurinnen und Akteuren, die sich unter dem Slogan Name the translator! für die U1-Nennung einsetzen. Die Übersetzerin Lisa Kögeböhn zum Beispiel, die auf ihrem Instagram-Account viel zu dem Thema informiert.
Durch die Nennung auf dem Cover positioniert sich der Unionsverlag zum Thema Künstliche Intelligenz und maschinelle Übersetzung nicht nur für Name the translator!, sondern auch aktiv für Sichtbarkeit von menschlicher Übersetzung, also Human Translation. Welche Stellung möchten Sie hierbei einnehmen?
Dass nun die KI mehr und mehr in den Fokus auch des literarischen Arbeitens rückt, macht die U1-Nennung gleichzeitig zu einem schnell erkennbaren Gütesiegel: menschengemacht. Dahinter stehen eine vergütete Urheberschaft und auch eine garantierte Qualität. Natürlich liefert die KI in Sekundenschnelle Übersetzungen, und die klingen gar nicht mal immer schlecht. Was sie bisher aber nie liefert, sind Zweifel. Logikfehler, Interpretationsspielräume, kulturelle Spezifika – fallen einer glatten Übersetzung zum Opfer.
Mit welchem Aufwand war die U1-Nennung für Sie verbunden?
In der Aufgleisung ist das zunächst schon ein Mehraufwand, den man parallel zum Tagesgeschäft leisten muss. Zunächst die Recherche – was sind Argumente dafür, dagegen, welche grafischen Lösungen existieren schon auf dem Markt? Die Diskussion der Recherche – welche Lösungen gefallen uns, welche sind im Rahmen unserer Gestaltung für uns umsetzbar? Wollen wir eine fixe Position, ein extra grafisches Element, was ist mit dem Zeilenfall, Schriftfarbe, Schriftgrösse, Kapitälchen, mehrere Übersetzer? Soll die Sprache auf dem Umschlag erscheinen oder nicht? Ohne ist es eine Zeile kürzer! Unsere Grafiker haben mehrere Versionen ausgearbeitet; letztlich haben wir uns für eine möglichst flexible Lösung entschieden. Dann wird alles noch von allen Beteiligten auf Herz und Nieren geprüft. Gerade haben wir die Herbstcover fertiggestellt, die zweite Saison mit U1-Nennung. Und es fühlt sich inzwischen schon ganz selbstverständlich an; der Aufwand ist ein einmaliger.
Ihre Titel sind unverkennbar. Besonders die Taschenbücher des Unionsverlags werden im Bücherregal schnell entdeckt. Wie lässt sich die Nennung auf dem Cover mit dem Corporate Design vereinbaren?
Die U1 soll immer noch vorrangig als Werbung dienen, zum Hingreifen verleiten. Neben hübschen Bildern können auch Autorinnen und in zweiter Instanz auch Übersetzer als Werbung fungieren, auch wenn ich glaube, dass das vorrangig in der Buch-Bubble funktioniert. Die Endkundschaft achtet häufig nicht auf Verlagsnamen. Ich fürchte, die Namen der Übersetzenden haben da auch einen schweren Stand. Selbst die Namen der Autorinnen und Autoren bleiben längst nicht immer im Gedächtnis, man erzählt dann halt von dem Buch mit dem blauen Vogel drauf. Die grafische Umsetzung ist wichtig, eine vollgestopfte, unübersichtliche U1 schreckt ab.
In der Hardcover-Gestaltung sind wir relativ frei, hier war uns wichtig, dass das Mehr an Text nicht für optische Unruhe sorgt. Unsere Taschenbuchreihe allerdings stellt uns da vor grössere Herausforderungen. 1990 ist das erste Taschenbuch, Tschingis Aitmatows Dshamilja, mit der ikonischen dreiteiligen Unions-Etikette erschienen, die sich auch auf dem Buchrücken fortsetzt, kreiert von Heinz Unternährer. Seither sind über eintausend Taschenbücher in diesem Look erschienen, das sägt man nicht so mal eben an. Bis auf Weiteres stehen die Übersetzerinnen und Übersetzer bei unseren Taschenbüchern noch auf der U4.
Welche Botschaft möchte der Unionsverlag mit der Covernennung vermitteln?
Ein Bewusstsein dafür, dass literarische Übersetzungen zwei Urheberinnen und Urheber haben.
Wird der Unionsverlag durch die Nennung auf dem Cover die Übersetzerinnen und Übersetzer in Zukunft mehr in ihren Marketingaktivitäten berücksichtigen können?
Ob die U1-Nennung letztlich einen Werbeeffekt hat, ist kaum messbar. Sie ist ja nur ein einzelner Aspekt, der shiny star, auf den alle schauen. Wichtig sind aber auch die Sichtbarkeit auf der Website, in der Vorschau, in den Metadaten, die Nennung in Werbeanzeigen zum Buch. Da sind wir schon gut dabei. Bei manchen Projekten bietet sich ein Nachwort der Übersetzerinnen und Übersetzer an, manche sind auch dolmetschend oder sogar moderierend bei Veranstaltungen aktiv.
Dass jemand ein Buch nicht kauft, weil auf dem Cover «übersetzt von xy» steht, glaube ich nicht. Im schlimmsten Falle ändert sich für den Verlag gar nichts. Im besten Falle führt die erhöhte Sichtbarkeit für uns als Verlag zu mehr Wertschätzung von übersetzter Literatur.

Lea Artmeyer, 1989 in Norddeutschland geboren, studierte Afrikawissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin und an der University of Dar es Salaam, Tansania. Ihre Faszination für Sprachen und Literaturen abseits der grossen anglophonen Buchmärkte führte sie 2016 zum Unionsverlag, dessen Programmleitung sie 2024 übernahm.