2 novembre 2026 – Tribune libre

Wie viel Macht haben Übersetzende?

Sind Übersetzerinnen und Übersetzer einfach nur Dienstleistende, oder sind sie die eigentlichen Drahtzieher und Entdeckerinnen der Literaturbranche? Maximilian Murmann untersucht, wie viel Macht seine Zunft eigentlich hat.

Von Maximilian Murmann

Es heißt, man müsse sich Übersetzende als glückliche Menschen vorstellen. Doch als mächtige Menschen? Das klingt zunächst irritierend. Schließlich arbeiten viele von ihnen unter prekären Bedingungen, sie hangeln sich bei weitgehend stagnierenden Honoraren von Projekt zu Projekt und kämpfen noch immer um eine Sichtbarkeit, die ihrer Bedeutung für den Literaturbetrieb angemessen wäre. Ihre Arbeit ist unverzichtbar, ihre Position allerdings oft schwach.

Und doch ist die Vorstellung von der Macht der Übersetzenden keineswegs abwegig. Mit jeder noch so kleinen Entscheidung – bei der Wortwahl, im Satzbau, etc. – beeinflussen sie, wie ein Text in der Zielsprache gelesen wird. Besonders deutlich wird dieser Einfluss dort, wo Sprache A etwas vermag, für das man in Sprache B auf ganz andere Mittel zurückgreifen muss. Ein Beispiel ist der Roman Meine Freundin Natalia (finn. OT: Ystäväni Natalia) der finnischen Schriftstellerin Laura Lindstedt, in dem das Geschlecht der erzählenden Figur, einer Psychologin oder eines Psychologen, bewusst offenbleibt. Im Finnischen lässt sich diese Ambiguität mühelos herstellen, da Personalpronomen nicht nach Geschlecht unterscheiden. Im Deutschen dagegen erfordert nahezu jede Selbst- oder Fremdbezeichnung eine Entscheidung und damit kreative Lösungen, wenn die Offenheit des Ausgangstextes erhalten bleiben soll. Übersetzen bedeutet eben nicht nur, Wörter oder Sätze zu übertragen, sondern Gestaltungsmacht über einen Text zu haben.

Darum soll es hier jedoch nicht gehen. Denn Übersetzende nehmen häufig schon vor der eigentlichen Arbeit Einfluss am Text. Bei Werken aus sogenannten „kleinen“ Sprachen sind sie oft nicht nur Übersetzende, sie sind zugleich Scouts und Vermittelnde. Sie entscheiden mit, welche Bücher überhaupt eine Chance bekommen, im deutschsprachigen Raum wahrgenommen zu werden. Gerade darin liegt eine beträchtliche, allerdings informelle Macht, nahezu unsichtbar und meist unbezahlt.

Das zeigt sich etwa an der estnischen Literatur. Estnisch wird von knapp einer Million Menschen gesprochen. Jedes Jahr erscheinen mehrere hundert estnische Werke, von denen nur ein Bruchteil ins Deutsche übersetzt wird: 2025 waren es sieben Bücher – drei Romane, ein Kinderbuch, ein Lyrikband, eine Graphic Novel und die Neuauflage eines fiktiven Sachbuchs aus den 80er-Jahren. Welche Titel in den deutschsprachigen Raum gelangen, hängt nicht allein von ihrer literarischen Qualität ab. Es braucht jemanden, der ihr Potenzial erkennt, Material zusammenstellt und Verlage überzeugt, sich mit ihnen auseinanderzusetzen.

Dass Vermittlungsarbeit tatsächlich etwas bewirken kann, weiß ich aus eigener Erfahrung. Beispielsweise kam die deutsche Ausgabe von Joonas Sildres Graphic Novel Zwischen zwei Tönen – Aus dem Leben von Arvo Pärt (estn. OT: Kahe heli vahel) auch deshalb zustande, weil ich zufällig durch eine Nachrichtensendung auf das Buch aufmerksam wurde. In dem Beitrag blätterten der Autor und Arvo Pärt gemeinsam durch die Graphic Novel, die anlässlich der Eröffnung des Arvo-Pärt-Zentrums nahe Tallinn erschienen war. Ich nahm Kontakt zu Sildre auf, sprach mit ihm über eine mögliche deutsche Übersetzung und fertigte schließlich eine Probeübersetzung an. Damit wandte ich mich an den Verlag Voland & Quist – weniger aufgrund langer strategischer Überlegungen als aus dem Gefühl heraus, dass Buch und Verlag gut zusammenpassen könnten. Aus einer zufälligen Entdeckung im Fernsehen entstand eine deutsche Ausgabe, die zu einem der erfolgreichsten aus dem Estnischen übersetzten Bücher der vergangenen Jahrzehnte wurde.

Allerdings kann dieselbe Arbeit genauso gut ins Leere laufen, wie das folgende Gegenbeispiel zeigt: Seit drei Jahren versuche ich, Mati Unts Roman Herbstball (estn. OT: Sügisball) aus dem Jahr 1979 für eine deutsche Neuübersetzung zu vermitteln (die existierende Übersetzung wurde aus dem Russischen angefertigt). Ich kann Verlage auf das Buch aufmerksam machen, seine Bedeutung, Aktualität und literarische Qualität darlegen, Material zusammenstellen und dafür werben. Ob es am Ende tatsächlich erscheint, liegt jedoch nicht in meiner Hand.

Dass nur so wenige estnische Bücher auf Deutsch erscheinen, hat verschiedene Gründe. Zum einen begegnen viele deutschsprachige Verlage Literaturen aus kleineren Sprachräumen noch immer mit großer Zurückhaltung. Zum anderen fehlen häufig jene Institutionen und Netzwerke, die auf Buchmessen Aufmerksamkeit und den nötigen „Buzz“ erzeugen. Zwar gibt es in Tallinn das Estonian Literature Centre, das jedes Jahr eine Auswahl von Büchern bewirbt, die für ausländische Verlage interessant sein könnten. Doch in einem durchprofessionalisierten Buchmarkt, in dem Übersetzungsrechte vor allem über Agenturen und Scouts vermittelt werden, haben solche Institutionen nur begrenzte Möglichkeiten, sich Gehör zu verschaffen.

Erschwerend kommt hinzu, dass in Estland selbst renommierte Autorinnen und Autoren ihre Bücher zum Teil in Eigenregie veröffentlichen. Zwar gibt es eine Handvoll etablierter Verlage wie Tänapäev und Varrak, doch gründen manche Schriftstellerinnen und Schriftsteller lieber eigene Verlage, lassen ihre Bücher selbst drucken und bringen die Bücherkisten mitunter sogar eigenhändig in die Buchhandlungen. So behalten sie die volle Kontrolle über ihre Veröffentlichungen, haben aber keinen Verlag im Rücken, der ihre Werke auf dem internationalen Buchmarkt vertritt. Die Vermittlungsarbeit fällt dann vornehmlich Übersetzenden zu. Sie lesen Neuerscheinungen, knüpfen Kontakte, schreiben Exposés, sammeln Pressestimmen und fertigen Probeübersetzungen an. Sie investieren also beträchtliche Zeit in Projekte, für die es keinen garantierten Auftrag gibt. Selbst bei aussichtsreichen Titeln landet das zusammengestellte Material oft genug in einer Schublade.

Das kann ziemlich frustrierend sein; besonders dann, wenn auf sorgfältig zusammengestellte Vorschläge überhaupt keine Rückmeldung kommt, Entscheidungen immer wieder vertagt werden oder ein Buch mit dem Hinweis ausscheidet, es passe gerade nicht ins Programm oder zum Zeitgeist. Diesen Frust kenne ich auch aus vielen Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen, die verschiedenste Sprachen und Genres übersetzen. Manchmal werden dabei ganze Literaturen erstaunlich pauschal beurteilt. Eine Lektorin eines großen deutschen Publikumsverlags sagte mir vor einigen Jahren ganz unverblümt, sie glaube nicht, dass sich irgendein deutscher Leser für Estland interessiere. Viel deutlicher lässt sich kaum zeigen, wie schnell Übersetzende an die Grenzen ihrer Einflussmöglichkeiten stoßen. Ein einziger Satz genügt, um eine ganze Literatur abzuschreiben.

Wo in Estland Vermittlungsarbeit mangels entsprechender Strukturen häufig bei den Übersetzenden landet, ist sie in Finnland heute weitgehend professionalisiert. Im Vorfeld des finnischen Gastlandauftritts bei der Frankfurter Buchmesse 2014 entstanden mehrere Literaturagenturen, die inzwischen einen Großteil dieser Arbeit übernommen haben. Abgesehen von Klassikern und weniger markttauglichen Titeln findet die Vermittlung also weitgehend zwischen Agenturen und Verlagen statt. Das entlastet die Übersetzenden, schränkt aber zugleich ihren Handlungsspielraum ein.

Ganz verschwunden ist dieser Spielraum nicht. Juhani Karilas Roman Der Fluch des Hechts (finn. OT: Pienen hauen pyydystys) zum Beispiel war in Finnland bereits ein Überraschungserfolg und hatte auch international für Aufmerksamkeit gesorgt, konnte im deutschsprachigen Raum aber längere Zeit keinen Verlag überzeugen. Der Roman bewegt sich zwischen unterschiedlichen Genres und lässt sich entsprechend schwer in eine vertraute Programmlogik einordnen. Schließlich schlug ich das Buch dem unabhängigen (und heute leider nicht mehr existierenden) Homunculus Verlag vor, der sich mit großer Begeisterung und Hingabe auf dieses Wagnis einließ. Die deutsche Ausgabe wurde vielfach positiv besprochen und war für den Internationalen Literaturpreis des Hauses der Kulturen der Welt nominiert. Beim zweiten Roman Karilas zeigt sich nun allerdings die Kehrseite einer erfolgreichen Vermittlung. Das internationale Interesse ist inzwischen so groß, dass die Gespräche weitgehend zwischen Agenturen und Verlagen stattfinden. Obwohl ich dazu beigetragen habe, den Autor im deutschsprachigen Raum bekannt zu machen, habe ich inzwischen kaum noch Einblick, welche Verlage angesprochen werden. Der Einfluss kann also ebenso schnell wieder verloren gehen, wie er zuvor entstanden ist.

Solche Beispiele dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass längst nicht alle Übersetzenden diese Rolle spielen können oder überhaupt spielen wollen. Literaturvermittlung kostet Zeit, setzt Kenntnisse des Literaturbetriebs, Kontakte und nicht zuletzt die Bereitschaft voraus, erhebliche unbezahlte Vorarbeit zu leisten. Manche Kolleginnen und Kollegen verstehen sich ausschließlich als Übersetzende und nicht als Scouts oder Literaturvermittlerinnen – und es gibt keinen Grund, ihnen daraus einen Vorwurf zu machen. Die Macht, die mit dieser Rolle verbunden sein kann, ist deshalb höchst ungleich verteilt: Sie hängt nicht nur von sprachlicher und literarischer Kompetenz ab, sondern auch von Netzwerken und persönlicher Bereitschaft.

In den Fällen, in denen Übersetzende weiterhin eine tragende Rolle bei der Vermittlung spielen, stellt sich umso mehr die Frage, wie ihr Beitrag entlohnt werden kann. Wer ein Buch entdeckt, eine Probeübersetzung anfertigt, ein Exposé schreibt und einen Verlag für ein Projekt gewinnt, hat wesentlich dazu beigetragen, dass es erscheint (von der eigentlichen Übersetzungsarbeit ganz zu schweigen). Trotzdem werden solche „translation-adjacent activities“ wie Kotryna Garanasvili sie auf Words Without Borders bezeichnet, häufig als persönliches Engagement, als notwendige und nicht entlohnungswürdige Vorleistung behandelt. Für diese Form der Arbeit gibt es bislang kaum feste Strukturen der Vergütung, obwohl sie für den internationalen Erfolg eines Titels entscheidend sein kann. Ich selbst vermittelte Iida Turpeinens Debütroman Das Wesen des Lebens (finn. OT: Elolliset) an den S. Fischer Verlag, noch bevor das Buch in Finnland erschienen war. Wenig später wurden die Rechte in zahlreiche Länder verkauft, und das Buch entwickelte auf der Frankfurter Buchmesse eine Dynamik, die zu diesem frühen Zeitpunkt kaum abzusehen war. Dabei kann eine deutsche Übersetzung auch bei weniger bekannten Büchern eine Art Türöffner für weitere Übersetzungen sein. So fand etwa der estnische Klassiker Die Nacht der Seelen anschließend auch seinen Weg ins Lettische und Finnische.

Fälle wie diese zeigen, welchen Anteil Übersetzende an der internationalen Verbreitung eines Buches haben können. Umso bemerkenswerter ist, wie oft dieser Beitrag im weiteren Verlauf aus dem Blick gerät. Es geht nicht darum, jede Vermittlungsleistung mit dem Namen der Übersetzenden zu versehen. Problematisch wird es vielmehr dort, wo Bücher, die auf ihre Anregung hin in ein Verlagsprogramm gelangt sind, in Vorschauen oder sozialen Medien ausdrücklich als eigene Entdeckungen des Verlags präsentiert werden. Dass dies keine Ausnahme ist, weiß ich sowohl aus eigener Erfahrung als auch aus Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen.

Ebenso wenig garantiert ein erhebliches persönliches Engagement, dass Übersetzende die weitere Reise eines Buchs begleiten dürfen. Gerade bei Veranstaltungen, die sie selbst angestoßen oder inhaltlich mit vorbereitet haben, zeigt sich das besonders deutlich: Ich habe mehrfach erlebt, dass für die Moderation am Ende jemand anderes ausgewählt wurde. In einem Fall wurde sogar ein von mir entwickeltes Veranstaltungskonzept – eine szenische Lesung mit Musik – übernommen, ohne dass ich an der Umsetzung beteiligt oder für die konzeptionelle Vorarbeit vergütet wurde. Dabei geht es nicht nur um Sichtbarkeit und Beteiligung; Veranstaltungen sind für viele Übersetzende auch eine wichtige Einkommensquelle.

Solche Erfahrungen sind zum Glück die Ausnahme. In der großen Mehrheit der Fälle erlebe ich die Zusammenarbeit mit Verlagen und Institutionen als vertrauensvoll und fair. Zu erwähnen ist auch, dass die meisten Autorinnen die Arbeit ihrer Übersetzer zu schätzen wissen und sich, wenn es darauf ankommt, für sie einsetzen. Diejenigen, deren Texte wir übersetzen und mit denen wir oft über lange Zeit im Austausch stehen, erleben uns nicht als austauschbare Dienstleisterinnen und Dienstleister, vielmehr als „Weggefährten“, wie einer der von mir übersetzten Autoren es nannte.

Immer wieder höre ich von erfahrenen Kolleginnen und Kollegen, man brauche in diesem Metier ein dickes Fell und dürfe nicht zu viel erwarten. Ich halte das für die falsche Konsequenz. Denn die schwache Position der Übersetzenden ist eben kein Zeichen mangelnder Bedeutung. Sie verfügen über Wissen, Kontakte und vieles mehr, doch all dies lässt sich nur begrenzt in Sichtbarkeit und angemessene Bezahlung übertragen. Ihre Macht ist real, aber nirgends verankert und deshalb leicht zu übergehen. Die Bereitschaft, sich mit diesen Verhältnissen abzufinden, sollte nicht zu den Voraussetzungen für diesen Beruf gehören.

©Thomas Effinger

Maximilian Murmann, geb. 1987, ist Übersetzer und Sprachwissenschaftler. Er studierte Finnougristik in München, Budapest und Helsinki; 2018 erfolgte seine Promotion. Er übersetzt aus dem Finnischen, Estnischen und Englischen ins Deutsche. 2021 erhielt er das Arbeitsstipendium des Freistaats Bayern für literarische Übersetzer*innen sowie das Literaturstipendium der Landeshauptstadt München. Darüber hinaus war er DÜF-Gastdozent an der Universität zu Köln sowie der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz.

Dieser Beitrag erscheint in Kooperation mit TraLaLit.

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